Lofoten
 
 

Vom Kajak auf die Skipiste

  Making Of ... Lost in Adventure   Text und Fotos: Günter Valda
 

"Der stürmische Wind treibt uns den Schnee waagrecht entgegen, fast unwirklich erscheint uns die morgendliche Szenerie. Wir beladen unsere Kajaks, die wie Farbtupfer auf einem Blatt Papier wirken.", - mit diesem Satz taucht der Wiener Fotograf Günter Valda in sein Lofoten Abenteuer ein. So unmittelbar folgt man der kleinen Reisegruppe im Kajak über das offene Meer, beim Spuren auf den Gipfel und die rasante Abfahrt mit den Skiern, dass man gar nicht an das Setting denkt, das Fotos wie diese erst ermöglicht. Für Steppenwolf hat Günter jetzt auch sein Logbuch geöffnet.

Fischkörper hängen von den typischen Holzgestellen der Fischer, pendeln mit Eiskristallen überzogen im Wind hin und her, wie eine Mahnung hier in dieser rauen Gegend nicht ebenso unvorsichtig zu sein. Die exponierte Lage der Lofoten macht das Wetter schwer kalkulierbar. Wir befinden uns ungefähr 200 Kilometer nördlich des Polarkreises, und obwohl der Golfstrom das Klima hier erträglicher als am Festland macht, schützt er nicht vor wilden Wetterkapriolen.

 
Reine, Lofoten
 
Log Reine, Lofoten. Die Hauptstraßen sind im Winter mehr recht als schlecht vom Schnee befreit, ohne ein geländegängiges Fahrzeug kommt man nicht weit, oder man setzt auf so, für uns ungewöhnliche Transportmittel wie das Seekajak. Der Supermarkt ist hier problemlos mit dem Boot zu erreichen.
 

Ich befestige meine Ski auf dem Kajakdeck und stecke die Skischuhe unter die Spritzdecke. Als ich das Boot langsam in das mit Eisschollen bedeckte Wasser gleiten lasse, wird mir etwas mulmig zumute. Wie hoch wird der Wellengang bei diesem Wetter außerhalb des geschützten Hafens sein? Unüberlegtes Handeln ist hier verboten, jeder falsch überlegte Schritt kann ein Eigentor bedeuten, ein falscher Paddelschlag den Sturz ins eiskalte Wasser.

Langsam bewegen sich die fünf Kajaks aus dem sicheren Hafen, wir paddeln ruhig, noch etwas müde mit steifen Knochen, von dem 300 Einwohner zählenden Dorf Reine in den nördlich gelegenen Kjerkfjord.Das Wissen von frischem Schnee, welcher uns in einem Gelände, das nur vom Wasser aus erreichbar ist, erwartet, treibt uns vorwärts und lässt uns wie berauscht weiterpaddeln.

Unsere bunt zusammengewürfelte Gruppe hat sich hier auf den südlichen Lofoten eher zufällig gefunden. Uns verbindet nur ein Ziel, die tief verschneiten, unberührten Hänge auf Moskenesoya zu befahren. Klassische Skigebiete mit Liftanlagen, dem ganzen Drumherum sucht man hier vergeblich. Jede Abfahrt will mit den Tourenski erarbeitet werden.

 
Lofoten - offene See
Lofoten - Seegrasteppich beim Landen
 
Log Wellen klatschen an den Plastikrumpf meines Kajaks. Nur wenige Millimeter Plastikhaut trennen mich vom 3 Grad kalten Wasser. 200 km nördlich des Polarkreises auf den Lofoten wehen mir Schneeflocken um die Ohren. Ein wenig mulmig ist mir schon zumute. Ich will mir gar nicht vorstellen, was passiert, falls ich kentere.
Meine Kajak-Tiefschnee-Reportage könnte ich mir dann jedenfalls in die Haare schmieren, denn meine Kamera steckt gemeinsam mit den Skischuhen zwischen meinen Füßen unter der Spritzdecke. Alles ist so positioniert, das ich mit einem Griff an der Kamera bin. Der Einsatz ist hoch, alles hängt davon ab heil ans Ufer zu kommen und von der Überfahrt ein paar gute Bilder zu schießen.
 
Lofoten - Seegrasteppich
Lofoten - Kajaks im Seegras
 
Log Die Ski haben auf dem Deck Platz gefunden und machen das Manövrieren nicht gerade einfach. Immer wieder dreht der Wind das Kajak. Die Unruhe im Fahrwerk, wenn die Wellen plötzlich von der Seite kommen machen mich nervös. An Fotografieren ist vorerst nicht zu denken. Ein Blick zur Seite verrät mir, dass es meinen Freunden nicht besser geht. Mit kräftigen symmetrischen Schlägen paddeln wir gegen den Wind ins rettende Fjord. Bald parken die Kajaks im Seegrasteppich.
 
 
 
 

Backcountry Skitouring Lofoten

Weather can change immediately

 
Lofoten - Felsen, senkrecht einige Hundert Meter direkt aus dem Wasser nach oben drängend
 

Ich lerne langsam das Wetter zu nehmen, wie es ist und vor allem, es ernst zu nehmen. Es ist wirklich unberechenbar, es bedeutet meistens im Schneegestöber loszufahren und wenn man am Gipfel ist, perfekten Sonnenschein zu erleben. Auch dieses Mal klart es auf, der Schneefall lässt endlich nach und gibt die Sicht auf ein imposantes, überwältigendes Bergpanorama frei. Es ist schon ein überwältigender Anblick, wenn vor einem die Felsen senkrecht einige Hundert Meter direkt aus dem Wasser nach oben drängen und dazwischen jede Menge unbefahrenes Gelände liegt, das nur darauf wartet, erkundet zu werden.

Das Spuren mit den breiten, schweren Ski in dem hüfttiefen Schnee benötigt eigentlich die Lunge von einem Elch, wir keuchen, in der eiskalten Luft dampft unser Atem vor unseren Gesichtern. Kirk, der „Lumberjack“ aus Kanada, der hauptberuflich als Waldarbeiter arbeitet, erfüllt dieses Kriterium am ehesten und übernimmt vorerst diese Aufgabe. Wie ein Schneepflug räumt er den Weg für uns frei. Ich schwitze, das Gehen in dem hohen Schnee ist anstrengend. Unberührte Natur, soweit das Auge reicht, nichts, nur wir mitten drinnen, kleine Punkte in einem weißen Nichts. Mir kommt der Gedanke, dass eine schnelle Rettung in einem Notfall wohl schon aufgrund des schlecht ausgebauten Handynetzes kläglich scheitern würde.

Als mich Per Arne auf drei Seeadler aufmerksam macht, die unweit über unseren Köpfen majestätisch am Himmel kreisen und sich im Aufwind tragen lassen, ist alle Anstrengung vergessen. Der Kabeljau, welcher jedes Jahr die rund 600 Kilometer aus der Barentssee hierher zum Laichen überwindet, findet anscheinend nicht nur in den Bäuchen der unzähligen Fischerboote sein jähes Ende. Der positive Einfluss des Golfstroms macht die Lofoten durch den Fischreichtum auch zum Eldorado für Seeadler, zu einem letzten unberührten Rückzugsort dieser einzigartigen Vögel.

 
Lofoten - Kajak im Seegrasteppich
Lofoten - Kajaks im Schnee
 
Log Wir tauschen die Boote gegen Tourenski und Lawinenrucksack. Die Kamera hab ich rechts am Hüftgurt befestigt. Das Baumeln der Nikon nehme ich in Kauf. Keiner wird mich danach fragen, unter welchen Bedienungen ich die Bilder gemacht habe. Kein noch so teurer Fotorucksack macht Sinn, wenn ich die Kamera erst umständlich aus den Tiefen bergen muss. Eine Reportage lebt von ihren spontanen Situationen, Emotionen und Gesichtern und wartet nicht auf den Fotografen, bis der sich aus den Gurten befreit hat.
 
Lofoten- Aufstieg mit Tourenski
Lofoten - unberührte Hänge, Aufstieg mit Tourenski
 
Log Wir nannten sie "Hot Dogs". Ich kann mich nicht mehr erinnern, woher diese Bezeichnung kam. Wahrscheinlichen von den älteren Jungs. Wir gruben und schaufelten Schnee zu einer Skisprungschanze. Präparierten Anlaufspur und Auslauf. So ein "Hot Dog" war nur was für wilde Kerle. Oftmals waren die Landungen schmerzhaft und endeten mit blutigen Nasen und aufgerissenen Lippen. Mundtrockenheit waren nicht die einzigen Symptome, bevor man sich in die Anlaufspur wagte. Und einmal in der Spur gab es kein zurück. Trial und Error. Blutungen wurden mit Schneebällen gestillt.
 
Lofoten - Erfahrung Hot Dog
Lofoten - Hot Dog
 
Log Schritt für Schritt. Im Hinterland Norwegens. Infrastruktur sucht man hier wie damals vergeblich. Mit meinen Kindheitserinnerungen im Kopf kommt es mir wie eine Zeitreise vor. Mit Freunden auf der Suche nach einen „Hot Dog“. Mit Schaufeln, Lawinenpieps und Kamera ausgerüstet suchen unsere Augen das einsame Gelände ab. Felsformationen kippen im steilen Winkel ins Meer. Perspektiven wie aus einem Thriller. Mit Birkenzweigen markieren wir potenzielle Skisprungoptionen und berechnen Absprungwinkel und Kamerapositionen. Error gibt es auch mit Vorbereitungen. Aber vielleicht weniger blutige.
 
 
 
 

Klassische Skigebiete? Von wegen.

Die letzten Höhenmeter

Gipfelplateau und Panorama
 

Für das letzte etwas steilere Stück packen wir unsere Ski auf den Rucksack, so erklimmen wir die letzten Höhenmeter zum Gipfelplateau. Die Sonne hat sich nun mehr und mehr durchgesetzt und zeigt uns ein Panorama, welches mir schlichtweg beim ersten Anblick den Atem verschlägt. Dieser Anblick lässt sich nicht in Worten fassen, er ist unbeschreibbar. Die Vorfreude auf die Abfahrt steigt ins Unermessliche, wird sie mich doch direkt mit dem Blick aufs Meer bis zu den Booten zurückführen. Ich halte mein Gesicht in die Sonne und lasse mich wärmen, ein Energieriegel bringt meinen Zuckerspiegel wieder auf stabiles Niveau, während ich meine Skiausrüstung vorbereite und mich sammle.

Langsam bereitet sich die Gruppe für die Abfahrt vor und keiner kann sich sichtlich leicht von dieser auf 900 Höhenmeter über dem Meer liegenden Sonnenterrasse lösen. Aufgeregt wie kleine Kinder vor dem Spielzeugladen stehen wir nebeneinander und schauen in die Tiefe, besprechen noch wo wir entlangfahren wollen und können es nicht erwarten loszupreschen und die ersten Spuren in den Schnee zu legen. Meine Skistöcke bohren sich in den tiefen, Pulverschnee, ich hole tief Atem und stoße mich ab. Der Schnee spritzt zur Seite. Ich konzentriere mich darauf, wohin ich meinen nächsten Schwung setzen werde, während sich die Skikanten knirschend in den Schnee graben.

Wir treffen uns am Etappenziel wieder, ein jeder mit einem Grinser im Gesicht und einem Ausblick in den Augen, der von dem Adrenalinstoß erzählt, von den Eindrücken, vom Rausch der Geschwindigkeit. Die Endorphine lassen uns sämtliche Anstrengungen kommentarlos ertragen. Während unseres Ausfluges hat die Ebbe einen weichen bräunlichen Seegrasteppich freigelegt, welcher uns sehr hilfreich beim Besteigen der Kajaks ist. Lautlos gleitet der rote Plastikrumpf über den weichen Untergrund ins Wasser. Genauso lautlos stechen unsere Paddel ins Wasser, welches sich uns fast spiegelglatt präsentiert. Die sich nun doch langsam breitmachen Müdigkeit lässt unsere Gespräche verebben und so gleiten wir andächtig durch das Wasser, welches durch die Spiegelung der schroffen Felsen einer riesigen Kathedrale gleicht, nichts als Stille rund um uns.

 
Lofoten - Gipfelpanorama
Lofoten - Abfahrt Steilhang
 
Lofoten - Abfahrt - erste Spur im Schnee
Lofoten - Erste Spur im Schnee
 
Nach Anfahrt mit Kajak und Tourenskiabfahrz Fußball am Strand - Lofoten
 
Lofoten - Tourenskifahrer am Strand
 

Folge Günter Valda auf Instagram   Valda Photography